Leseproben

Lucia di Lammermoor

„Meine Geburt war sehr geheimnisvoll, denn ich bin im Keller von Borgo Canale geboren. Ich habe meinen Flug in die Welt wie eine Nachteule gemacht und habe mir selbst diese traurige und glückliche Vorbedeutung gegeben, nicht entmutigt von meinem Vater, der mir immer wieder versichert hat, es sei unmöglich, dass du komponierst, dass du nach Neapel, dass du nach Wien kommst.

Eine entmutigende Voraussage. Ich hatte nur meine eigene moralische Kraft. Jetzt bin ich glücklich, geliebt, anerkannt. Was will ich mehr?“

Diese autobiographische Skizze spiegelt die ärmlichen Verhältnisse Donizettis bei seiner Geburt, sowie seine schwierige Vaterbeziehung wider. Der Vergleich seines Lebens mit dem Flug einer Nachteule lässt die melancholischen Seiten seines Charakters erahnen.

Trotz seiner zeitweise grossen Erfolge gelingt es ihm nicht, einen Wohlstand zu erreichen, der es ihm erlaubt, seinen exzessiven Arbeitsstil zu reduzieren. Er und seine Frau leiden sehr unter einer anfällig

schwankenden Gesundheit. Seine Frau stirbt im Jahre 1837 nach nur achtjähriger Ehe.

Donizetti erleidet immer häufigere Krankheitsschübe als Spätfolgen einer Syphilis, die schliesslich zu seiner völligen geistigen Umnachtung führt. Der Meister berühmter Wahnsinnszenen wird, genau wie seine Titelheldin Lucia, von seinem Bruder manipuliert und in die Irrenanstalt nach Ivry gebracht; allerdings in wohlmeinender Absicht.

Seit 1844 hatte er nur noch Noten-Kritzeleien zu Papier gebracht und war nicht mehr in der Lage gewesen, eine vollständige Kompositionsskizze zu erstellen. Er verstummte. Dieser Umstand sowie die in Europa herrschende Revolution führten dazu, daß sein Tod mit nur 50 Jahren, am 08. April 1848, praktisch nicht wahrgenommen wurde.

Vor der - durch Marias Callas ausgelösten - Renaissance seiner Werke standen in Deutschland nach dem II. Weltkrieg im Wesentlichen nur noch "Der Liebestrank", "Don Pasquale" und "Lucia di Lammermoor" auf dem Programm. ....